Amelie Fried: Schuhhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte.

Carl Hanser Verlag: München2008. 187 Seiten

Kein Zufall ohne Konsequenzen. Im November 2004 ruft Peter Probst aus New York, wo er am traditionellen Marathonlauf teilnimmt, seine Frau Amelie Fried in München an, um sie nach Max Fried zu fragen. Nach längerer Recherche stellt sich heraus, dass es sich um ihren Großonkel handelt, der gemeinsam mit seiner Frau Lilli am 13. März 1943 aus München deportiert und in Auschwitz ermordet wurde. Um das herauszufinden, musstest Du nach New York fahren? fragt die Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin ihren Mann, der sich als Drehbuchautor einen Namen gemacht hat. Das Biographische Gedenkbuch für die Münchner Juden 1933-1945, vom Stadtarchiv herausgegeben, hätte wohl fürs erste gereicht.

Amelie Fried hat ein sehr persönliches Buch geschrieben. Die nüchterne Dokumentation hinterlässt schon deshalb einen ungewöhnlichen Eindruck, weil sie mit den Klarnamen von Tätern, Opfern und Mitläufern hantiert. In der Widmung für ihre beiden Kindern lesen wir, sie sollten nicht womöglich eines Tages dieselben Entdeckungen machen wie ich und sich fragen müssen, warum ihnen niemand vom Schicksal ihrer Vorfahren erzählt hat. Wie so viele Angehörige der Generation von Überlebenden hat sie das Schweigen ihrer Großeltern und ihres Vaters über die Schikanen, die Demütigungen und die Verfolgung in den Jahren seit 1933 belastet, therapeutische Begleitung eingeschlossen. Jetzt hat sie eine mit vielen Faksimilebelegen untermauerte erste Bilanz gezogen, und mittlerweile sind wohl neue Fakten und Einsichten hinzugekommen, die das hier gezeichnete Bild abrunden werden.

Die Geschichte der Familie Fried in Ulm wäre schnell erzählt, wenn man für das Urteil allein die große Zahl von Autobiographien und Erfahrungsberichten über jene Zeit heranziehen würde. Doch was dem Buch die Unverwechselbarkeit gibt, ist seine Einbettung in die Schilderung des gutbürgerlichen lokalen Milieus, in der die angesehene Familie Fried seit 1914 das Schuhgeschäft Pallas im Zentrum der Donaustadt betreibt - bis der Großvater Franz schon im Mai 1933 das Geschäft seiner nichtjüdischen Ehefrau Martha übertragen muss, obwohl er, der österreichische Staatsbürger, seiner Braut zuliebe vor der Hochzeit zum Christentum konvertiert war. Der völkische Antisemitismus Die Religion ist einerlei, in der Rasse liegt die Schweinerei ist zur Staatsräson aufgestiegen.

Genauso naiv, wie der Lokalberichterstatter der Ulmer Abendpost und Schriftsteller Kurt Fried - der Vater der Autorin - den Antrag auf Wiederaufnahme in die Reichsschrifttumskammer stellt, erbittet der Pallas-Eigentümer Franz im April 1935 von der Ulmer Polizeidirektion einen Wachposten für sein Geschäft, damit die Scheiben nicht länger mit antisemitischen Parolen beklebt würden. Doch ihr Chef weist die Verdächtigung mit dem Argument zurück, dass sich die Ausschreitungen nicht gegen ihn persönlich, Franz Fried, gerichtet hätten, sondern nur als Jude sei er angegriffen worden. Der Glaube an den Bestand des Rechts war endgültig zerbrochen.

Am Vorabend des 9. November 1938 verhängt die Polizeidirektion ein Ausgehverbot für alle Juden. Einen Monat später wird das Schuhhaus als jüdischer Gewerbebetrieb eingetragen, womit seine Zukunft vorgezeichnet ist. Franz Bruder Max muss wegen der angeblichen Hinterziehung von Einkommensteuern mit einer hohen Geldstrafe zurechtkommen, er selbst wird wegen Ungebühr ins Schutzhaftlager Welzheim östlich von Stuttgart verschleppt, weil er sich weigert, die Kennkarte für Juden mit Israel zu unterschreiben. Martha gibt dem allseitigen Druck nach und beantragt die Scheidung, um ihren Mann aus dem Lager zu befreien. Dem zweiten Bruder Walter gelingt die Emigration in die USA. Nur wenige Ulmer wagen es noch, mit den Frieds offen zu verkehren. Zu ihnen gehört der Maler Wilhelm Geyer, in dessen Keller Hans und Sophie Scholl ihre Flugblätter drucken. Nur durch einen glücklichen Zufall entgeht er der Guillotine.

Nach seiner Entlassung im April 1939 siedelt Franz nach München über, betreibt vergeblich seine Auswanderung nach Brasilien und findet eine Anstellung in einem kriegswichtigen Betrieb als Uniformschneider, bevor er zum Bau des Barackenlagers Milbertshofen im Norden Münchens verlegt wird. Im Herbst 1942 folgt die Einweisung in das Klostergelände auf der Clemens-August-Straße, wo er zum letzten Mal seinem Bruder Max begegnet. Das Schuhhaus Pallas, das seine geschiedene Frau Martha führt, muss im Frühjahr 1943 unter dem Vorwand geschlossen werden, nach der Zerstörung der Ulmer Innenstadt im Bombenkrieg sei die Zeit der Konzentration auf die eigenen militärischen Kräfte angebrochen. Der restliche Warenbestand geht an die Konkurrenz.

Der dem Vater fremd gewordene Sohn Kurt meldet sich bei Kriegsbeginn freiwillig zur Wehrmacht, um - so vermutet Amelie Fried - entgegen allen Erfahrungen als Halbjude den Beweis anzutreten, dass er ein guter Deutscher sei. Ein Jahr später wird der Mischling 1. Grades entlassen. Mitte August 1943 wird er zum Rüstungseinsatz in der Nähe von Illertissen eingezogen, im Oktober 1944 muss er sich bei der Organisation Todt melden, die KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigt. Schon einen Monat später erreicht ihn der Befehl, sich mit kleinem Gepäck im Bahnhof Bietigheim einzufinden, von wo die Fahrt in die Nähe von Mittelbau Dora bei Nordhausen im Harz geht. Dort wollen die Nazis ihre letzte Wunderwaffe bauen, die V-2. In diesem Lager wird er von der US-Armee befreit. Auch Vater Franz überlebt und kehrt zu seiner Frau nach Ulm zurück, ohne dass beide noch einmal heiraten. Das alte Schuhgeschäft floriert wieder, und - kurios - um manchen Mitgliedern einen Persilschein zu verschaffen, willigt er in den Vorsitz des örtlichen Sportvereins ein. Seine Frau zieht sich mit Verbitterung und Schuldgefühlen aus der Öffentlichkeit zurück. Ihrem gemeinsamen Sohn Kurt hingegen gelingt in der Stadt der Aufstieg zum streitbaren Kulturpolitiker, Verleger und Kunstmäzen.

Im Frühjahr 2005 hat die Autorin für Max und Lilli Fried vor dem Judenhaus in der Münchner Frundsbergstraße, in dem mehrere jüdische Familien von den Behörden zwangsweise untergebracht wurden, symbolisch zwei Stolperstein-Folien auf dem Bürgersteig befestigt, damit ihnen das Schicksal der echten kleinen Messingplatten erspart bleibt, die zur Erinnerung an Paula und Siegfried Jordan in der Mauerkircherstraße verlegt worden waren: Nach dem Verbot des Stadtrates ein Jahr zuvor wurden sie von Amts wegen herausgerissen. Dem Verein Initiative Stolpersteine für München gehören Amelie Fried und Peter Probst seit seiner Gründung an.


21.07.2008
Reiner Bernstein


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