Andreas Heusler: Das Braune Haus. Wie München zur ›Hauptstadt der Bewegung‹ wurde.

Deutsche Verlags-Anstalt: München2008. 383 Seiten, 22 Euro

Die gute Nachricht zuerst: Die Errichtung des NS-Dokumentationszentrums in München steht nach langem Hin und Her fest. Dagegen liegen die Probleme seiner politisch-pädagogischen Konzeptualisierung im Jahr des 850. Stadtjubiläums ebenso in der Schwebe wie die Entscheidung über die Leitung des Hauses. Die dringend notwendigen Sachentscheidungen, so ist zu befürchten, werden sich von der umfassenden und äußerst kenntnisreichen Arbeit des Leiters „Zeitgeschichte und Jüdische Geschichte“ im Münchner Stadtarchiv nicht nachhaltig beeinflussen lassen, obwohl Hans-Jochen Vogel der Arbeit zu Recht als den erstmaligen Versuch einer umfassenden Gesamtdarstellung würdigt, aus der schleunigst die auf der Hand liegenden Konsequenzen zu ziehen wären, möchte man hinzufügen. So kommt der Autor nicht umhin, sein Schlusskapitel unter die Überschrift „München als Hauptstadt der Verdrängung“ – wenn auch mit einem Fragezeichen – zu stellen, in dem er die jahrzehntelangen kommunalen Versäumnisse bei der angemessenen selbstkritischen Auseinandersetzung mit jenen zwölf ewigen Jahren beleuchtet.

Konsequent schlägt der Autor den Bogen in die Zeiten vor 1933 und belegt überzeugend, dass sich der Aufstieg der NSDAP in München auf ein geistiges Klima und ein politisches Milieu nicht nur in Wirtshäusern, bei Stammtischen und in obskuren Zirkeln breit machte, sondern sich auch auf Repräsentanten in führenden gesellschaftlichen, akademischen und kulturellen Kreisen stützen konnte – „das Entreebillet“ Hitlers, so betont Heusler –, das Lion Feuchtwanger in seinem Roman „Erfolg“ unnachahmlich porträtierte, den er nach eingehenden Studien ein Jahr vor der „Machtergreifung“ veröffentlichte. Im Mai 1930 unterzeichnete Hitler den Kaufvertrag für das „Braune Haus“ für die stattliche Summe von 805.864 Goldmark. War es nicht, fragt Heusler – man fühlt sich mitten in der Gegenwart – „eine aus selbstgerechter Beharrlichkeit und biergetrübter Behaglichkeit zusammengesetzte intellektuelle Bewegungsstarre des bürgerlichen München, durch die das kulturelle Mittelmaß beamtet und dem avantgardistischen Impetus der Schwung genommen wurde“?, um mit dem Nationalökonomen Lujo Brentano fortzufahren: „Abgesehen vom Bier ist hier höchstens lebhaftes Interesse für Theater und Kunst…“

Mithin liefert der Autor überzeugende Antworten auf seine beiden Eingangsfragen, warum ausgerechnet München zur Geburtsstätte und zur Keimzelle des politischen und organisierten Nationalsozialismus habe werden können und welche ausschlaggebende Rolle soziale, kulturelle, wirtschaftliche und mentale Dispositionen dabei seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert einnehmen konnten. Zu Recht hat Heusler den Titel seines Buches über das Palais an der Brienner Straße als übergreifende Metapher für die trüben Kapitel der Stadtgeschichte gewählt. Dazu bedurfte es der souveränen Beherrschung der Quellenlage und der Sekundärliteratur. Dass sich der Autor bei der Auswertung und Kommentierung einer erfreulich deutlichen Sprache bedient, die auch den theologisch dubiosen evangelischen Landesbischof Hans Meiser nicht verschont, ist ihm besonders hoch anzurechnen. Bei nüchterner Betrachtung, konstatiert Heusler, erwies sich die „in schwelgerisch-sentimentaler Nostalgie gern zum ‚goldenen Zeitalter’ Münchens verklärte Prinzregentenepoche … als das eigentliche Präludium und als Durchlauferhitzer für ein Klima des Ungeistes“.

1933 war für Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus – letzterer bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert das einigende Glaubensbekenntnis in der Stadt – kein Jahr Null. Deshalb sorgte die Standesvertretung der Münchner Mediziner begierig und eilfertig dafür, dass schon vor dem NS-Gesetz zur sogenannten Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April jüdische Ärzte aus den Krankenhäusern und öffentlichen Ämtern verdrängt, ihrer wirtschaftlichen Subsistenz sowie ihrer sozialen Anerkennung beraubt wurden. Die politischen Entscheidungsträger wollten dafür sorgen, dass „die Hauptstadt der Bewegung in der Behandlung der Judenfrage richtunggebend für das übrige Reich sein soll“, zitiert Heusler aus einem Schreiben an Oberbürgermeister Karl Fiehler. Der letzte Transport mit 31 Menschen verließ München am 23. Februar 1945 in Richtung Theresienstadt. Desto skandalöser erscheint der kommunale Umgang mit der Erinnerungskultur. Die Ablehnung der „Stolpersteine“, geißelt Heusler die „Instinktlosigkeit der Behörden“ im Schlusskapitel, „geht sogar so weit, die Nachkommen von Shoa-Opfern mit einer bislang nicht vorstellbaren Hartleibigkeit zu brüskieren“. Dass jedes Haus, in dem die Opfer des NS-Regimes wohnten, auch ein Gedächtnisspeicher ist, will in den Köpfen der politisch Verantwortlichen bislang nicht Platz greifen.


10.10.2008
Reiner Bernstein


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